Call-a-tip ©- Ihre psychologische Beratung -
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Veröffentlichung
von mir in: Zentralblatt
für Jugendrecht, ZfJ
91. Jahrgang Nr. 11/2004 »Ich wäre nie zu einem Psychologen gegangen …« 405
Dipl.
Psych. Nils-Günter Schultze
50
% der deutschen Haushalte nutzen regelmäßig das
Netz,
noch mehr haben Jugendliche Internetverbindung.
Entsprechend
ist auch in Deutschland die Nutzung des
Internets
und der damit verbundenen Möglichkeiten, insbesondere
von
E-Mail, Foren und Chats, für psychologische
Angebote,
stark angewachsen.
Noch
vor kurzer Zeit umfasste das Spektrum vorwiegend
nur
werbende Auftritte, in denen sich eine Einrichtung
oder
eine Praxis mit ihrem Angebot informatorisch vorstellte.
–
Unterdessen sind mit der Etablierung vieler Internet-
Expertendienste
für medizinische Fragen solche Dienste
auch
für psychologische Probleme, Störungen oder Konflikte
entstanden.
–
Eine Vielzahl thematisch für Patienten und Klienten sehr
wichtiger
Internet-Selbsthilfegruppen ist etabliert und
hoch
nachgefragt.
–
Psychologische Einzelpraxen und psychologische Beratungsstellen
aller
Art, z. B. zu Psychotherapie, Erziehungsfragen,
Ehe-
und Beziehungsproblemen, Suicidalität
oder
Sexuellem Missbrauch bieten jeweils den Zugang
zu
ihren Angeboten auch über E-Mail an.
Dennoch
beschränkt sich das psychologische Internetangebot
in
Deutschland noch auf eine mittlere »Interventionstiefe
«:
Psychologische Fachinformationen und Psychoedukation,
freie
oder fachlich betreute Selbsthilfenetzwerke
oder
professionelle psychologische Beratung, z. B.
per
E-Mail, werden realisiert.
Die
Ausübung von Psychotherapie über das Netz dagegen
findet
in Deutschland durch seriöse Anbieter bisher nur
vereinzelt
statt. Die Nutzung des Internets für Psychotherapie
(e-therapy;
telepsychiatry1) ist dagegen in den USA
vergleichsweise
weit entwickelt. Das klinische Potenzial ist
anerkannt.
Organisatorische und therapeutische Behandlungsprinzipien,
wirksame
Faktoren und ethische Standards
werden
lebhaft diskutiert2.
Aber
auch in Deutschland ist eine vielversprechende
Entwicklung
zu verzeichnen, wie bereits verschiedene Veröffentlichungen
–
aktuell z. B. einer erfolgreichen Nutzung
von
Chatgruppen für die psychiatrische Nachsorge – zeigten3.
Die
breiteste und nach meiner Auffassung zukunftsträchtigste
Entwicklung
stellt ein bereits im Oktober 2001
gestartetes
und heute fest etabliertes psychologisches Beratungsprojekt
zu
Erziehungs- und Familienproblemen dar.
Es
wird von der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung
e.
V. (bke), dem Dachverband aller mehr als 1000 Erziehungs-
und
Familienberatungsstellen in Deutschland, –
nach
Zusammenarbeit mit verschiedenen Partnern, nun als
alleinige
Projektträgerin, – in Kooperation mit Verbänden
der
Freien Träger, durchgeführt (www.bke-Elternberatung.
de
und www.bke-jugendberatung.de). Durch eine gemeinsame
finanzielle
Förderung der Jugendminister aller
Bundesländer
ist es kürzlich als »Die virtuelle Beratungsstelle
«
auf Dauer eingerichtet worden4.
Das
Spezifikum der »Virtuellen Beratungsstelle« besteht
insbesondere
darin:
–
Im Projekt wurde von Anfang an durchgängig nur professionell,
d.
h. von psychotherapeutisch qualifizierten
Fachkräften,
meist Psychologen, die eine mehrjährige Berufserfahrung
mitbringen
mussten, beraten.
–
Es ist zentral organisiert und damit nicht auf einzelne
Regionen
bezogen, sondern von vorne herein bundesweit
ausgerichtet.
Durch
die hohe fachliche Qualifikation der psychologischen
Beraterinnen
und Berater und den großen Maßstab
erbrachte
die bisherige Erprobung eine Reihe von zukunftsweisenden
Erfahrungen.
Sie
belegen die Möglichkeit, dass die virtuelle Begegnung
in
der Internetberatung für viele Menschen fruchtbarer, geeigneter,
zugänglicher
und indizierter sein kann, als das
»setting«
der herkömmlichen psychologischen Beratung in
einer
Beratungseinrichtung oder Praxis.
Aus
Sicht des Autors sind diese Ergebnisse von Bedeutung
für
den Weg, auf dem sich psychologische Internetberatung
überhaupt,
– aber ebenso die Online-Psychotherapie
–,
in Zukunft methodisch weiterentwickeln kann.
Ein
Schlaglicht auf die Diskussion zur Frage des künftigen
Weges
psychologischer Beratung im Netz zeigt Folgendes:
Gängige
Meinung in der psychologischen Online-Szene
ist,
dass Internetberatung sich künftig durch den rasanten
Fortschritt
der neuen Medien, z. B. durch schnellere Videokonferenzen
oder
durch Videomail, immer mehr der
Begegnung
in der herkömmlichen Reallife-Beratung annähert.
Dadurch
sei dann auch im Netz der Psychologe als
Person
optisch präsent, und dies stelle einen erstrebenswerten
effizienten
Weg dar. Auch in US-Veröffentlichungen
kann
man diese Auffassung lesen1.
Demgegenüber
wurde im Projekt, insbesondere in der
psychologischen
E-Mail-Beratung Erwachsener, fast durchgängig
eine
gegenteilige Erfahrung gemacht, die hier – nach
einer
nachfolgenden kurzen Vorstellung des Projekts – interessieren
soll:
Gerade
einige gravierende Unterschiede zur herkömmlichen
»stationären«
Beratung bewirken die hohe, zum Teil
deutlich
einer sog. »Reallife«-Beratung überlegene Effizienz
von
psychologischer E-Mail-Beratung.
Dazu
gehören die im »virtuellen Setting« gegebene wechselseitige
Unsichtbarkeit
der beteiligten Personen, die Ungleichzeitigkeit
der
Kommunikation oder die Schriftlichkeit
der
Äußerungen.
Das
Projekt der Virtuellen Erziehungsberatungsstelle
Starttermin
war der 1. Oktober 2000. Das Projekt eröffnete
von
Beginn an drei verschiedene Kommunikationsangebote
für
die Ratsuchenden:
–
E-Mail,
–
Chat und
–
Diskussionsforum.
Alle
drei Techniken, die im Internet gebräuchlich sind,
sollten
auch im Kontext von Beratung zur Verfügung gestellt
werden.
Das in diese drei Bereiche unterteilte Beratungsangebot
wurde
auf zwei getrennten Web-Sites, jeweils
für
Eltern bzw. Jugendliche zur Verfügung gestellt.
Darüber
hinaus wurden thematische Chats erprobt. In
jüngster
Zeit befindet sich eine individuelle, zeitlich synchrone
Online-Beratung
in einer Testphase.
Das
Team umfasste während der ersten drei Aufbaujahre
sechs
Fachkräfte, die jeweils nebenberuflich tätig wurden.
Vor
einer Phase der Spezialisierung auf einen Schwerpunkt,
also,
Chat oder Forum, sammelten die einzelnen Berater/
innen
auch Erfahrung in allen anderen Kommunikationsbereichen.
Sie
hatten untereinander einen engen regelmäßigen
Austausch
und supervisorische Fallbesprechungen.
Besucherzahlen
des bke-Online-Beratungsangebotes
Die
Tabelle zeigt die Besucherzahlen des bke-Online-
Angebotes.
Projektjahre:
2000
2001 2002 2003
Besucher:
Eltern
2040 29 369 42 726 51 799
Jugendliche
2250 49 600 73 070 105 717
Seit
dem Jahreswechsel 2003/2004 durchläuft die Virtuelle
Beratungsstelle
eine Wachstumsphase. Ziel ist eine gleichzeitige
Beteiligung
von jeweils 80 hoch qualifizierten Fachkräften
von
Erziehungsberatungsstellen ab Jahresende 2004.
Diese
sind für je 1,5 Jahre beratend tätig und werden dann
immer
wieder sukzessive von 80 neuen Beratern während
des
vorgesehenen 10-Jahres-Zeitraum abgelöst.
Direkter
Zugang
Die
Internet-Erziehungsberatung ist außerordentlich niedrigschwellig
zugänglich,
insbesondere dadurch, dass das
Zuhause
überhaupt nicht verlassen werden muss.
Ebenso
ist sie – für Eltern – nicht selten vom beruflichen
Arbeitsplatz
aus zugänglich
Beim
Zugang zur bke-Online-Beratung wurden auch alle
anderen
Aspekte soweit möglich dem Kriterium von maximaler
Niedrigschwelligkeit
untergeordnet:
–
technische Erreichbarkeit und Pflege der Auffindbarkeit
des
Angebots und ein sorgfältiges Platzieren der Site bei
Suchmaschinen,
–
Professionalität des Auftrittsdesigns und Ziel einer »oneclick
«-Navigation,
–
klientenzentrierte Führung der Ratsuchenden auf der
Seite
und Anpassung an Sprach- und Wahrnehmungsgewohnheiten,
–
selbstverständlich Kosten- und Antragsfreiheit.
Dadurch
sollte ein Optimum an direkter Zugänglichkeit,
Bindung
und Weiterempfehlung erreicht werden.
Die
E-Mail-Beratung für Eltern
Die
besondere Effektivität der virtuellen Begegnung lässt
sich,
wegen der Analogie der Dialogstrukturen zur Situation
»stationärer
Beratung«, am Besten anhand der E-Mail-
Elternberatung
skizzieren bzw. diskutieren. (Die übrigen
Angebotformen,
Chat und Forum, weichen vom Bild einer
individuellen,
persönlichen Beratungssituation wesentlich
mehr
ab.)
Die
im Projekt entwickelte Philosophie der vielfältigen
Veränderung
und Anpassung der gewohnten psychologischen
Beratungsmethodik
aus dem herkömmlichen physischen
Beratungskontakt
an das neue Medium einer nur
virtuellen
Begegnung mit den Ratsuchenden, beinhaltete:
–
Keine Eins-zu-eins-Übertragung der konkreten äußerlichen
Begegnungs-
und Handlungspraxis im Beratungszimmer.
–
Besinnung auf die psychologischen Bedeutungen und
Ziele
des traditionellen Beratungsarrangements (Setting).
–
Psychologisch analoge Strukturierung des virtuellen
Begegnungsraumes
durch Neugestaltungen der beeinflussbaren
Rahmenbedingungen
des virtuellen Settings.
–
Lösungsorientierte fachliche Ausrichtung der Beratung:
Den
anfragenden Eltern sollten in einer Antwort immer
auch
inhaltliche Hilfestellung und praktische Handlungsvorschläge
zur
Verfügung gestellt werden.
–
Ressourcenorientierung im Sinne einer auf die eigenen
Möglichkeiten
fokussierten Haltung, zum Beispiel von
Rückerinnerung
der eigenen Innenwelt oder persönlichen
Erfahrungen
aus der gleichen Entwicklungsphase
oder
erfolgreicher eigener Bewältigung.
Es
wurde eine laufende Erfolgskontrolle durch verschiedene
integrierte
Klientenmonitoringsysteme durchgeführt.
Darüber
hinaus übersandte ein großer Teil der Beratenen
hochinformative
frei formulierte Feedbacks.
Im
Ergebnis fühlten sich insgesamt 75 Prozent der Eltern
»gut
verstanden« und teilten außerdem mit, dass die »Beratung
ihnen
geholfen hätte, ihr Problem besser zu lösen
oder
ihre Problemlage besser zu verstehen«. Sechs Prozent
»fühlten
sich nicht verstanden«.
ZfJ
91. Jahrgang Nr. 11/2004 »Ich wäre nie zu einem Psychologen gegangen …« 407
Zusammenfassend
hat sich erwiesen, dass eine fundierte
Erziehungsberatung
per E-Mail erreicht wurde. Da bei den
Erwachsenen
fast nur 1-Kontakt E-Mails erforderlich waren,
ergab
sich eine außerordentlich hohe Effizienz, da nur
ein
Bruchteil des herkömmlich notwendigen Aufwandes für
eine
effektive psychologische Beratung investiert worden
war!
Das
virtuelle Setting
Die
tägliche Beratungsarbeit von Psychologen in Beratungsstellen
und
Praxen findet, je nach methodischem Ansatz,
teilnehmenden
Personen sowie Art und Ziel der Sitzung,
in
jeweils unterschiedlichen Settings statt.
Gemeinsam
ist allen Settings jedoch, dass sie als echte –
also
»leibhaftige« – Begegnung der beteiligten Personen,
d.
h. am selben Ort, zur selben Zeit, von Angesicht zu Angesicht
stattfinden (face-to-face).
Auf
der theoretischen Ebene ist diesen unterschiedlichen
traditionellen
Settings eine Implikation gemeinsam:
Diese
Erstbegegnung(en) und ihr Verlauf werden in der
bisherigen
Fach-Diskussion als selbstverständliche zwingende
Voraussetzung
für die Bildung einer hinreichend
vertrauensvollen
Beratungsbeziehung angesehen, die überhaupt
erst
personbezogene Beratung oder Psychotherapie
erlaubt.
Bei
der internetgestützten Beratungsarbeit ist jedoch gerade
diese
Grundbedingung nicht gegeben!
Der
äußerlich evidente Kontrast der tatsächlichen Settingbedingungen
einer
face-to-face-Erziehungsberatung
und
einer Online-Erziehungsberatung – und besonders ihre
sehr
verschiedene psychologische Qualität z. B. auf der
Dimension
»Geborgenheit« gegenüber »Verletzbarkeit«,
lässt
sich durch eine gegenüberstellende Beschreibung illustrieren:
–
Eine Klientin einer traditionellen Erziehungsberatung –
nehmen
wir hier einmal den Normalfall einer Mutter an –,
befindet
sich im Beratungszimmer, also im Erstgesprächs-
Setting.
Sie
hat in der Regel schon seit längerer Zeit vorher mit
ihrem
Kind sich zuspitzende Erziehungsschwierigkeiten
erlebt.
Als die Probleme immer größer wurden, hat sie
sich
schließlich ihre Hilflosigkeits- und Versagensgefühle
eingestehen
müssen. Mit ihren Möglichkeiten am Ende
hat
sie sich in der Folgezeit in einer Erziehungs- und Familienberatungsstelle
angemeldet.
Dieser Entschluss liegt
vom
Zeitpunkt des Erstgesprächs aus betrachtet für gewöhnlich
mehrere
Wochen, aber wegen Wartezeiten
nicht
selten auch mehrere Monate, zurück.
Sie
hatte, dürfen wir annehmen, mit gemischten Gefühlen
das
Gebäude der Erziehungs- und Familienberatungsstelle
aufgesucht
und sitzt nun in einem Arbeitsraum einer
Beraterin
oder einem Berater gegenüber. Mehr oder
weniger
bewusst wird sie, wie jeder Mensch, in den ersten
Minuten
versuchen, sich ein Bild von dieser Person
zu
machen. Auf entsprechende Äußerungen hin, blickt
sie
innerlich zurück, erinnert und formuliert dann die
Gründe
und Anlässe ihres Anliegens.
–
Die Klientin der E-Mail-Elternberatung dagegen – ebenfalls
idealtypisch
betrachtet – befindet sich zu Beginn einer
psychologischen
Internetberatung in folgendem Setting:
Sie
hat nicht ihren persönlich vertrauten Lebensraum
verlassen.
Sie befindet sich in der Regel zu Hause, in ihren
gewohnten
»vier Wänden«, ihrer Privatwohnung. Sie
hat
gerade heute oder aber in den letzten Tagen eine Erziehungsschwierigkeit
oder
einen Konflikt erlebt. Alle
dadurch
ausgelösten Gefühle und Fragen sind ihr lebendig
gegenwärtig.
Der Zeitpunkt, zu dem sie sich zu einer
E-Mail-Anfrage
entschließt, ist ganz ihre Wahl, z. B. spät
abends,
wenn sie Ruhe hat. Sie weiß, dass sie in Kürze,
längstens
nach zwei, drei Tagen, auf ihre Anfrage eine
Antwort
einer psychologischen Fachkraft erhalten wird.
Ihr
Gegenüber ist nur ihr eigener Bildschirm. Sie schreibt
nun
alle Dinge im Problemzusammenhang auf, von denen
sie
glaubt, dass der unbekannte Berater sie wissen
sollte,
um die kürzlich stattgefundenen erzieherischen
Problemsituationen
sich richtig vorstellen zu können. Es
besteht
kein persönliches Gegenüber sowie kein sonstiger
Kontext,
der eine personenbezogene Vorstellung entstehen
lassen
könnte. Der einzige Informationskontext,
der
sich beim Prozess des Sich-Anvertrauens an diese
E-Mail-Beratung
auswirkt, ist der auf der Anbieter-Seite
selbst,
hier der bke-Elternberatungsseite, lesbare Text,
der
Beratung durch Fachleute eines anerkannten bundesweiten
Fachverbandes
signalisiert. Die Situation ist
gekennzeichnet
durch ihren in Bezug auf die Beraterperson
völlig
reduzierten Informationsgehalt; – bekannt sind
ja
nur die Informationen der Homepage bezüglich der
Professionalität.
Es
fehlen im Vergleich mit einer persönlichen Begegnung
all
die Faktoren, die für das Gewinnen einer Vorstellung
über
ein Gegenüber determinierend sind, wie z. B. Aussehen,
Stimme,
inhaltliche verbale Äußerungen, Verhalten,
Gesten,
Händedruck, Mimik, In-die-Augen-sehen
usw.
Diese
plastische Gegenüberstellung soll ins Bewusstsein
heben,
dass durch die Andersartigkeit der jeweiligen Prozesse
des
Sich-in-Beratung-Begebens, nicht nur die äußere,
sondern
auch die inneren Situationen, der jeweilige Gemütszustand
der
KlientInnen in vielfältiger Hinsicht psychologisch
wesentliche
Unterschiede aufweist.
Welcher
Art sind die Aspekte der spezifischen subjektiven
Verfassung
der Online-Klientin aus psychologischer
Sicht?
Wie
kommt es dazu, dass diese Aspekte spezifische psychische
Vorgänge
auslösen und Gefühle induzieren, die
schließlich
die fachliche Effektivität ebenso wie auch die
Effizienz
des Beratungsvorgangs strukturell befördern?
Projektion
Bezüglich
der Person des Beraters kann unter den Umständen
der
Online-Beratung im Klienten nur eine völlig vage
Phantasiegestalt
entstehen. Diese dürfte sich kaum auf äußere
Merkmale
beziehen, für die es ja keine Anhaltspunkte
gibt.
–
Da keine Äußerlichkeiten erkennbar sind, entstehen jedoch
auch
keine bestimmteren Sympathie- oder Antipathieanmutungen,
wie
sie in jeder menschlichen Erstbegegnung
und
ebenso natürlich bei der Begegnung mit einer
»stationären«
face-to-face-Beraterperson auftreten.
–
Es entfällt außerdem auch die regelmäßig durch Fremdheit
und
Erstkontakt hervorgerufene, emotionale
Schwelle,
die Distanzwahrung oder, bildlich gesprochen,
die
»Fremdheitsreibung«, die sich dann für gewöhnlich
erst
langsam, im Laufe des oder der Kontakte/s, durch
408
»Ich wäre nie zu einem Psychologen gegangen …« ZfJ 91. Jahrgang Nr.
11/2004
Bemerkungen,
Beobachtungen und Gespräch sukzessive
abbauen
kann.
–
Darüber hinaus entfällt der bei einer Realkonfrontation
mit
einer Beraterperson langsame und schrittweise den
Austausch
begleitende, besonders zu Beginn stark aufgeladene
Prozess
der besonderen Vertrauensbildung. Dieser
steht
für einen Klienten zu diesem Zeitpunkt sehr im
Mittelpunkt
seiner Empfindungen und Einstellungsbildung
und
entscheidet mit über die Bereitschaft, sich auf
die
Zusammenarbeit überhaupt einzulassen.
Es
dürfte daher m. E. den inneren, nur halbbewussten
subjektiven
Vorgängen nahe kommen, wenn wir uns die
unkonturierte
Phantasie, die sich bei der Klientin beim
Schreiben
als »Bild« ihres Adressaten einstellen wird, wie
eine
Projektion vorstellen.
Da
diese vage Projektion einer »inneren« Beraterperson
von
all den o. g. Prozessen und Hemmnissen von Sympathie-
Antipathie-Abgleich
und »Fremdheitsreibungen« ungetrübt
bleibt
und in einer Notsituation entsteht, liegt es
nahe,
dass sie der jeweiligen inneren Figur einer idealisierten
Helfer/in
oder Berater/in, i. S. einer »Wunschberaterin«
entspricht.
Diese
Aspekte des virtuellen Settings stellen sich für die
Klientin
an ihrem PC als Ganzheit dar, etwa entsprechend
dem
folgenden Bild:
Die
Rat suchende Mutter verbleibt unerkannt im völlig
geschützten
privaten Raum, in ihrer häuslichen Geborgenheit.
Sie
öffnet im Prozess des Schreibens der Mailanfrage
vorübergehend
ein kleines inneres »Fenster« zu einer idealisierten
abstrakten
Beraterperson.
Unverletzbarkeitsgefühl
Wie
wir gesehen haben, entfallen durch das Fehlen einer
stationären
Echt-Begegnung schon einige regelmäßige Einflüsse,
die
sich aus der Online-Perspektive von psychologischer
Beratung
als entbehrliche potentielle Störeinflüsse
darstellen.
Darüber
hinaus wird die subjektive Situation auf Seiten
eines
Klienten jedoch noch durch weitere wesentliche
Faktoren
förderlich für Beratung und Veränderungsbereitschaft
–
im Sinne eines »sicheren Rahmen5« – ausgestaltet.
–
Durch die Unsichtbarkeit und die Nicht-Hörbarkeit des
Klienten
selbst, entsteht bei diesem offenkundig ein sicheres
Gefühl
von subjektiver Geschütztheit, die als eine
«psychologische
Anonymität« charakterisierbar ist.
–
Verstärkt wird diese Empfindung durch die Tatsache,
dass
sie/er beim Versenden des Schriftsatzes keinen Namen
und
keine Adresse, sondern nur eine E-Mail-
Adresse
erkennen lässt.
–
Dadurch, dass kein Gegenübertreten und kein Ins-
Gesicht-Sehen
stattfindet, kann der Klient auch sozial
»sein
Gesicht wahren«. Es kommt nicht zu einem Eingestehen
von
Hilflosigkeit gegenüber einer fremden Person.
Er
muss nicht, wie in der face-to-face-Konfrontation, mit
dem
Bekennen, als Mensch schwach und nicht perfekt zu
sein,
oder als Elternteil versagt zu haben, sich inneren
Schamgefühlen
und Beschädigungen seines Selbstwertgefühles
ausgesetzt
sehen. Er erleidet also keine Kränkung.
Dies
kam nicht selten in Rückmeldungen der
Klienten
zum Ausdruck: »… Zumal es für mich auch
schwierig
ist, mit anderen Personen von Angesicht zu Angesicht
zu
sprechen. Ich danke Ihnen herzlich…«
–
Die Ratsuchenden bedienen ihren eigenen Computer.
Daher
können sie das Schreiben der E-Mail ggf. unterbrechen
oder
die Mail verwerfen. Sie können den PC,
wenn
sie wollten, einfach »ausschalten«. Den Klienten
bleibt
also, anders als in der stationären face-to-face-
Beratung,
das Sicherheitsgefühl einer jederzeitigen Rückzugsoption6
erhalten.
Insgesamt
bewirken diese Faktoren des Virtuellen Settings
für
Rat suchende Eltern das Empfinden, sich optimal
selbst
schützen zu können. Sie bewirken ein Unverletzbarkeitsgefühl7.
Das
virtuelle Setting hat bzgl. des subjektiven Sicherheitsgefühls
des
Klienten eine weitgehende Nivellierung der
Asymmetrie
zwischen Berater und Ratsuchendem gegenüber
einer
Echt-Beratungssituation, zur Folge. Eine Klientin:
»…
Nochmals vielen Dank! Ihre online-Beratung ist eine
tolle
Sache, da ich z. B. (wie viele andere sicherlich auch)
keine
Zeit und keinen Mut habe zu öffentlichen (offline-)
Beratungsstellen
zu gehen …«
Auswirkungen
auf subjektive Problemrepräsentation
und
Veränderungsbereitschaft
In
einem virtuellen Setting fehlen mehrere der ablenkenden
Faktoren,
die in einem face-to-face-Setting wirksam sind.
Dadurch
können sich die Ratsuchenden zusätzlich ungestörter,
unbeeinflusster
und innerlich freier auf ihr Problem
selbst
konzentrieren.
Denn
die für die face-to-face-Situation aufgezeigte innere
Auseinandersetzung
mit dem Erscheinungsbild des Beraters,
der
Art seiner Kontakt- und Beziehungsaufnahme, der
Stimme
usw., sowie mit eigenen unterschwelligen Übertragungsgefühlen,
bindet
viel Energie und subjektive innere
Aktivität
des Klienten. Diese dominiert und verfärbt über
eine
mehr oder weniger lange Zeit hinweg die innere Hinwendung
des
Klienten zu seinem eigentlichen Thema und
seiner
damit verbundenen inneren Welt.
Bei
der Formulierung seiner E-Mail-Anfrage ist dem
Klienten
diese innere Hinwendung zu seinem Problem
noch
ganz unbefangen und direkt möglich. Sie ermöglicht
ihm,
sich in vollem Umfang und ohne Abstriche der
Selbstwahrnehmung
und damit der eigenen aufgewühlten
Gefühlswelt
zuzuwenden. Entsprechend freier kann er sich
der
Formulierung der mit seinem Problem verbundenen,
ihm
wichtigen Details oder den Schilderungen von konzentriert
nacherlebten
Interaktionsabläufen mit dem Kind
widmen.
Anders als in der interaktionsüberlagerten ersten
Problemschilderung
in einer Beratungsstelle oder Praxis
kann
hier von einer völligen Selbstverantwortlichkeit für
Inhalt,
subjektiven Vollständigkeit und Differenziertheit
der
Selbstschilderung ausgegangen werden.
Diese
Aussagegehalte fließen im Institutions-Beratungszimmer
demgegenüber
erst nach mehr oder weniger lange
Zeit
und vielfach gefiltert.
Damit
zusammen hängt ein weiterer günstiger Faktor für
Beratungserfolg:
Das
von den psychologischen Effekten einer personalen
Erstbegegnung
freie Setting beim Abfassen einer E-Mail-
Anfrage
induziert häufig eine sehr fruchtbare Gesamtschau
des
Klienten auf seine Lage, die sich als »Bilanzeffekt« bezeichnen
lässt.
Aus
der Art der Schilderung in der Anfrage ist ggf. zu
entnehmen,
– dies ist manchmal auch konkret formuliert –,
dass
es die Ratsuchende die Anforderung der schriftlichen
Ausformulierung
für sich so gelöst hat, dass sie innerlich
sich
selbst eine umfassende Gesamtschau verordnet und
erlaubt
hat. Diese innere Bilanz umfasst den subjektiven
Blickwinkel
der Problemgenese, der Problemzusammenhänge
und
die aus seiner Wahrnehmung relevanten Kontextgegebenheiten
sowie
weitere, nach ihrem Gefühl verbundene
Faktoren.
Sie führt zu einem inneren Ergebnis bei
ihr
selbst, das sich als verdichtete Erfahrung und resümeehaftes
Konzentrat
ausgeformt hat und dadurch den Anfragetext
in
diesem Sinne hoch informativ macht.
Der
Vorgang der Abfassung einer AnfragE-Mail bewirkt
also
tendenziell eine besondere stark selbstexplorative innere
Haltung.
Für die beabsichtigte Aussage sammelt sich der
Klient,
um sich alles vorzustellen, das Wichtige zu erspüren
und
dies zu komprimieren bzw. auszuformulieren.
Diese
innere Sammlung und Umschau hat selbstverständlich
einen
sehr starken subjektiven Selbstorientierungswert
und
damit schon einen wesentlichen kurativen
Effekt.
Die
genannten Faktoren wie die Projektion eines idealisierten
Beraters,
der fast vollständige Schutz i. S. des Unverletzbarkeitsgefühls
im
virtuellen Setting usw. befördern
nicht
nur die Kontakt- und Offenheitsbereitschaft, sondern
auch
die Wirksamkeit der Antwort-Intervention der Berater.
Die
Antwort trifft auf eine wesentlich geringere Abwehr
und
auf eine erhöhte autosuggestive Übernahmebereitschaft
der
neuen psychologischen Hinweise und Orientierungen
(Kompliance).
Mit den Worten einer Ratsuchenden:
»…
Im Internet, per mail, kann man seine Probleme
kurz
oder auch relativ ausführlich im Zusammenhang besser
darstellen
als in einem spontanen persönlichen Gespräch
oder
auch am Telefon. Man kann erstmal alles sagen, was
man
sagen will. Auch für den, der antwortet, ist es eventuell
besser,
da er alles schriftlich vor sich hat und konkret auf die
einzelnen
Punkte eingehen kann. Ich habe bei meinen Therapiesitzungen
oft
das Gefühl, das, was ich eigentlich sagen
wollte,
nicht gesagt zu haben. …«
Bei
Anfragen, in denen eine zugespitzte Lage mit Kindeswohlgefährdung
erkennbar
ist, stellt diese erhöhte Veränderungsoffenheit
zudem
einen relevant verbesserten Zugang
dar.
Der hier ggf. vom Berater als indiziert angesehene
Konfrontationsbedarf
wird damit erleichtert.
Die
vielfältigen zusammenwirkenden Faktoren des virtuellen
Settings
insgesamt eröffnen offenkundig bei dem
Großteil
der virtuellen Beratungsbegegnungen mit Eltern
den
psychischen Raum für wirksame Einmal-Beratung.
Mehrfachberatungen,
analog der institutionellen Situation,
erübrigten
sich im Projekt der bke in der überwältigenden
Mehrheit
der Eltern-E-Mail-Anfragen. In den Fällen von
Mehrfachanfragen
und -antworten einer Rat suchenden
Person
fiel der Ertrag im Allgemeinen jeweils abnehmend
aus.
Solche Folge- oder Zweitanfragen wurden von ca. fünf
Prozent
der Eltern gestellt.
Erhöhter
Lerntransfer durch die Schriftlichkeit
Die
schriftliche Form des »Briefes« hat für das Maß des
Lerntransfers
eine von den bisher genannten Faktoren unabhängige
nachhaltig
fördernde Wirkung.
Sämtliche
Mitteilungen des Beraters, also die psychologischen
Hinweise
sowie Details von Anregungen, Vorschlägen
und
Nuancen von sensiblen Formulierungen sind
durch
die Schriftlichkeit gesichert. Dies bedeutet im Zusammenhang
des
Lerntransfers einen erheblichen Vorteil
gegenüber
dem normalen Setting einer mündlichen Beratung.
Eine
herkömmliche Beratung erfolgt sequenziell. Sie
muss
ggf. mühsam und – naturgemäß – bruchstückhaft und
ungenau,
aus dem Gedächtnis erinnert werden. Eine mündliche
Beratung
ist zudem nicht ohne Weiteres wiederholbar.
Die
Antwortmails dagegen können von den Eltern nach
Erhalt
zum vertieften Verständnis mehrfach hintereinander
gelesen
und reflektierend studiert werden. Sie können ebenso
für
den anderen Elternteil oder den Partner verlustfrei
»reproduziert«
werden und sind so einem gemeinsamen
differenzierten
Erfahrungsaustausch besonders gut zugänglich.
Die
Ratsuchenden können die Antworten in den folgenden
Tagen
oder Wochen immer wieder auf sich wirken
lassen.
So
kann sich eine betroffene Mutter Teile einer Antwort
als
Leitfaden für die von ihr erwartete spezifische Erziehungssituation
vornehmen,
im Sinne einer suggestiven
Selbststeuerung
von Einstellungen und Verhalten. Davon
profitieren
vor allem ängstliche und unsichere Eltern, sowie
desorientierte
Eltern, für die es wichtig ist, ihren Leitfaden
immer
wieder zu finden und sich so erst auf ihre wichtigen
Themen
und Entscheidungen konzentrieren zu können.
Nicht
selten wirkt die anfängliche Begegnung mit einer
psychologischen
Antwortinformation oder Botschaft auch
als
Konfrontation mit einer weniger vertrauten unbewussten
Seite
von sich selbst. Ein Vater: »… Hauptaugenmerk
darauf
richten, was ich eigentlich will und versuchen, dies
bestmöglich
umzusetzen. Sie haben Dinge über mich angesprochen,
die
mir über mich bisher gar nicht so bewusst waren,
gleichwohl
ausgesprochen zutreffend sind. …«. Eine
solche
Erkenntnis, die auch für manchen verwirrend oder
beunruhigend
sein kann, will zunächst einmal »verdaut«
werden.
Man braucht Zeit, um sie an sich heranlassen zu
können,
oder Zeit, das Hilfreiche daran zu erkennen. Diese
Zeit
zu haben – als eine Folge der Schriftlichkeit – sich die
Botschaft
jederzeit ggf. genau vergegenwärtigen zu können
–
bedeutet eine Unterstützung des inneren Prozesses, sich
langsam
zu öffnen und schließlich doch den Transfer z. B.
einer
hilfreichen neuen Einstellung zum Kind oder einer
veränderten
Sicht von sich selbst zuzulassen.
Die
Bedeutung des virtuellen Settings für die
Weiterentwicklung
psychologischer E-Mail-Beratung
Die
strukturelle Verschiedenheit, und das teilweise überlegene
beraterisch-therapeutisch
Potenzial, durch das sich das
virtuelle
Setting von einem herkömmlichen Beratungssetting
abhebt,
haben m. E. eine wesentliche Bedeutung für die
Ausrichtung
der Weiterentwicklung von Internet-Beratung.
410
Die Überprüfung der Geeignetheit eines Kindes/Jugendlichen zur Adoption ZfJ
91. Jahrgang Nr. 11/2004
Die
mit einem vergleichsweise geringem finanziellen
Aufwand
erzielbare hohe positive Wirksamkeit der psychologischen
Beratung
im bke-Projekt, wurde zwar hier
phänomenologisch
analysiert und aufbereitet. Sie wurde
außerdem
durch den Einsatz von Klientenmonitoren und
einem
sehr hohen Rücklauf frei formulierter Feedbackmails
durch
die Beratenen umfänglich und eindrucksvoll bestätigt8.
Jedoch
signalisieren solche bedeutsamen durch ein
Setting
bedingten Unterschiede in der Wirksamkeit und
Effizienz
von Beratung insbesondere einen erheblichen und
fruchtbaren
Forschungsbedarf. Angesprochen ist hier die
universitäre
Forschung, die gemeinsam mit dem jeweiligen
Träger
professioneller psychologischer E-Mail-Beratung
ein
auf diese Faktoren und Fragestellungen ausgerichtetes
Untersuchungsdesign
planen könnte.
Das
praktisch vorgefundene hohe Maß an Effizienz von
Erziehungsberatung
im Internet reicht aus, um abzusehen,
dass
dieser Angebotsform – bei Wahrung der professionellen
Qualität,
aber entsprechend wachsender Dimension und
Bekanntheitsgrad
– eine kaum zu überschätzende Bedeutung
bekommen
kann.
Dies
betrifft die Eltern ebenso wie das System der Jugendhilfe
in
Deutschland. Mit der rasant wachsenden Internet-
Ausstattung
der Haushalte und der Internetkompetenz
besteht
die Chance, ein Jugendhilfe-Angebot mit sowohl
einer
psychologisch fundierten Hilfe zur Erziehung entsprechend
§§
27, 28 SGB VIII nicht nur besonders effektiv
und
kosteneffizient, sondern auch im Sinne von »just in
time«
zu erzielen und eine breiteste und frühzeitige Präventionswirkung
aufzubauen.
Wohin
geht psychologische Online-Beratung?
Was
den Weg der methodisch-fachlichen Weiterentwicklung
von
internetgestützter psychologischer und Erziehungsberatung
betrifft,
so haben die bisherigen Ausführungen
versucht,
aufzuzeigen, dass die Beschränkungen und
Grenzen
des virtuellen Settings, wie sie im Fehlen der
»leibhaftigen«
Präsenz des Beraters gemeinhin gesehen
8
»Online-Beratung«, Autorenkollektiv, 2003, Bundeskonferenz
für
Erziehungsberatung e. V., 108 ff.
werden,
zu einem wesentlichen Teil seine ungeahnten Stärken
darstellen!
Das
bedeutet für den Weg der Online-Beratung eine
wichtige
Weichenstellung: Denn im Sinne der fachlichen
Stärken
von Online-Beratung kann es nicht mehr das vielfach
avisierte
Ziel sein, die vermeintlichen Beschränkungen
des
virtuellen Settings Stück für Stück technisch abzubauen.
An
solchen technischen » Verbesserungen » wurden z. B.
vorgeschlagen
oder bereits realisiert:
–
Ausgestaltung der Beratungswebsite mit Fotos der Berater,
–
Aufnahme von Texten, die die Persönlichkeit, den Lebensweg,
Hobbys
und Ähnliches des Beraters beschreiben,
bis
hin zur Annahme, dass die
–
synchrone Übertragung eines Livevideos per Webcam
zum
Klienten oder
–
zwischen Berater und Klienten im Sinne einer Videokonferenz,
eine
erstrebenswerte Weiterentwicklung bedeute.
Bei
all diesen Vorschlägen gäbe man jeweils einzelne oder
mehrerer
der fruchtbaren Faktoren des virtuellen Settings
auf.
Insbesondere
würden die
–
Projektion eines idealisierten Beraters beseitigt,
–
bei sequentieller synchroner Übertragung würden der
Bilanzeffekt
und der Lerntransfer der Schriftlichkeit aufgegeben
und
–
bei visueller Übertragung würde die psychologische
Anonymität
beschädigt und – bei Übertragung in beide
Richtungen
– das Unverletzlichkeitsgefühl weitgehend
zerstört.
Die
Chancen, über den internetüblichen zeitlich-technischen
Rationalisierungsvorteil
hinaus eine höhere fachliche
Effizienz
zu gewinnen, liegen daher in einer professionellen
–
also nicht technisch, sondern von unserem psychologisch-
psychotherapeutischen
Wissenshintergrund geleiteten
–
Analyse der personalen Gegebenheiten der Begegnung
im
virtuellen Setting.
Diese
lösen offenkundig neue subjektive Klienten-Einstellungen,
Beratungsbeziehungen
und Veränderungschancen
aus,
die es weiter zu identifizieren, zu erproben, sowie
in Zukunft bewusst in elaborierter Form einzusetzen gilt.
1 Robert C. Hsiung, Editor, »e-Therapy« 2002.
2 Ebenda 150 ff. 1 Vgl. auch die kindbezogenen Meldepflichten von
Einrichtungen
nach
3 Dtsch. Ärztebl. 2004; 101: A 550–553 (Heft 9).
4 Siehe dazu ZfJ 2004, 230.
5 Konzept des »sicheren Rahmen« nach R. Langs, zit. nach M.-L.
Petersen: Der Begriff »Rahmen« wurde von
Milner (1952) geprägt.
Milner nahm diese Metapher aus der
Malerei: Der Rahmen
(eines Bildes) grenzt die verschiedene Art der Wirklichkeit,
die innerhalb ist, ab von der, die außerhalb ist; aber ebenso
grenzt ein raum-zeitlicher Rahmen die spezielle Art der Realität
einer psychoanalytischen Sitzung ab. Und in der Psychoanalyse
ist es die Existenz dieses Rahmens, die die volle Entwicklung der
kreativen Illusion, die Analytiker Übertragung nennen, ermöglicht
(Milner, 1952, S. 183, Übersetzung Petersen).
6 Frank van Well, (2000), Psychologische Beratung im
Internet.
7 A.a.O. Fn. 6.
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