|
07.01.02
Aus
dem Nachrichtenmagazin FOCUS-Magazin Nr. 2 (2002)
"LEBENSHILFE
Ein
Siegel für Freud
Online-Psychologen dokumentieren ihre Kompetenz mit einem neuen Gütezeichen
auf ihren Web-Seiten
Als
Eifersucht die junge Bürokauffrau aus Passau quälte, griff sie zur
Maus. Beherzt vertraute Karin Brunner* einem Online-Psychologen ihre
Sorgen an. Rund 28 Euro kostete die schriftliche Beratung, die die
22-Jährige am folgenden Tag per E-Mail erhielt.
Anonym, schnell und gegen Bares Seelenleid zu vertreiben – damit brüsten
sich zahlreiche Beratungsdienste im Netz. Nicht alle halten, was sie
versprechen. „Die Hälfte der privaten Online-Psychologen hat gerade
mal zwei Psychokurse besucht“, prangert Fredi Lang vom Berufsverband
Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) den Missstand an. Er
machte sich daher für die Einführung eines Qualitätssiegels stark,
an dem sich Web-Klienten sicherer orientieren können.
Tatsächlich ist die Internet-Couch vielen Ratsuchenden nicht ganz
geheuer. „Der Großteil hat entweder Angst vor dem Medium oder hegt
Zweifel gegenüber der Qualität der Cyber-Berater“, weiß
Diplompsychologe Frank van Well, der im Rahmen seiner Doktorarbeit
Umfragen über psychologische Beratung im Internet durchgeführt hat.
Seit kurzem wirbt nun das neue Qualitätssiegel vom Berufsverband der
Psychologen für Vertrauen in die Online-Therapie. Berater, die ihre
Web-Seite mit dem Gütezeichen schmücken möchten, müssen beim BDP
ein Hochschuldiplom der Psychologie vorlegen und Erfahrungen in der
Gesprächsführung nachweisen. Der BDP fordert den
Internet-Therapeuten das Versprechen ab, labile Klienten an einen
nichtvirtuellen Kollegen zu vermitteln. „In tiefen Krisen kann die
Online-Hilfe den persönlichen Kontakt zum Therapeuten nicht
ersetzen“, erklärt Fredi Lang vom BDP.
Die strengen Richtlinien ernten erstes Lob. „Solche Seriositätsbürgschaften
sind sehr zu begrüßen“, meint Werner Schmidt, Fachmann im Bereich
Tele-Medizin beim Bundesbeauftragten für Datenschutz. Er bedauert
allerdings, dass der Psychologenverband lediglich die Qualifikation prüfe,
aber nicht das Online-Angebot. „Gute Berater, die nicht dem
Berufsstand angehören, fallen durch das Raster“, kritisiert
Schmidt.
Zu den ersten virtuellen Beratungsstellen, die das neue Gütezeichen
tragen, zählt die Web-Seite
www.call-a-tip.de
des Berliner Diplompsychologen Nils-Günter Schultze. Nun
hofft der Online- Therapeut, „dass das Psychosiegel so attraktiv wird
wie der blaue Umweltengel“ und mehr Web- Patienten die Beratung in
Anspruch nehmen. An die 50 Ratsuchenden legen sich pro Monat auf seine
Cyber-Couch und beschreiben per E-Mail ihre Probleme. Die Hälfte
seiner Klienten springt jedoch wieder ab, wenn der Online-Freud um
Geld bittet.
"
nach
oben
|